Deutsch
DeutschAktuellesNewsDem Wandel auf der Spur
17.05.2018

Dem Wandel auf der Spur

Mitgliederversammlung des Landesverbandes in Gladbeck


WahlenBei den Wahlen zum neuen Vorstand gab es keine Überraschungen, für Diskussion sorgte die Frage nach der Förderung des Kleingartenwesens.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


1971 war es so weit: Mit der Schließung der Zeche Graf Moltke endete nach 100 Jahren die Epoche des Bergbaus in Gladbeck. Bis heute prägt er das Stadtbild: Zechenmauern und begrünte Halden sind vielerorts noch erkennbar – und auch die Kleingartenanlagen zeugen von der Vergangenheit als Bergbaustadt. Viele sind entstanden, damit die Bergarbeiter dort Gemüse anbauen und sich von der anstrengenden Arbeit unter Tage erholen konnten. Wie die Stadt befinden sich heute aber auch die Kleingärten im Wandel.

Waren die Kleingartenanlagen früher quadratische Anbauflächen für Obst und Gemüse, verwan-deln sie sich immer mehr zu naturnah bewirtschafteten, öffentlichen Grünanlagen, in denen breite Schichten der Bevölkerung gärtnern. Dieser Wandel ist typisch für die meisten Städte im Ruhrgebiet. Die Mathias-Jakobs-Stadthalle in Gladbeck war so ein überaus passender Ort für die Mitgliederversammlung des Landesverbandes Westfalen und Lippe.

„Wir merken, dass immer mehr Familien in die Kleingärten kommen. Auch die Integration spielt bei uns im Ruhrgebiet eine immer größere Rolle, ebenso wird die Ökologie immer wichtiger“, erklärt Stephan Winter, Vorsitzender des gastgebenden Bezirksverbands Gladbeck und Schriftführer im Landesvorstand gegenüber dem „Gartenfreund“.

Auch Roland Schäfer, der vom Landesverband mit der „Großen Goldenen Ehrennadel“ geehrt wurde, sieht das Kleingartenwesen in einem Wandel: „Kleingartenanlagen sind grüne Inseln im Stadtgebiet, Orte der Erholung und der Natur, die zunehmend der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Die Angebote, die für die Allgemeinheit, wie Kindergärten, Jugendliche oder Schulklassen, gemacht werden, das sind für mich ganz wichtige Faktoren.“


Stadthalle Gladbeck142 Delegierte waren in die Stadthalle Gladbeck gekommen.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


Dieser Wandel des Kleingartenwesens ist das Hauptthema an diesem 5. Mai in Gladbeck. Denn Mitgliederversammlungen haben immer zwei Seiten, zum einen die for­male der Verbandsarbeit: Da werden Kassen- und Geschäftsberichte vorgelegt, Ehrungen vorgenommen und Vorstände neu gewählt.

Zum anderen ist jede Mitgliederversammlung auch eine Positionsbestimmung: Wohin gehen wir? Was können wir verbessern?

Zahlreiche Redner gehen auf dieses Thema ein, und auch beim Be­gleitprogramm im Foyer der Stadthalle, wo vor allem über Projekte aus den Bereichen Ökologie und Jugendbildung informiert wird, ist dies sichtbar.


Der Wandel als Chance

Vor allem die inzwischen zurückgetretene NRW-Umweltministerin Christina Schulze Föcking (CDU) macht deutlich, wie wichtig dieser Wandel für die Kleingärtnervereine ist. Am Anfang ihrer Festrede spart sie zwar nicht an Komplimenten: „Das Kleingartenwesen in Nordrhein-Westfalen hat nach wie vor eine hohe Bedeutung – und gewinnt sogar noch an Beliebtheit. Das verdanken wir auch der neu entdeckten Liebe der Menschen zum Garten und auch Ihrem beispielhaften Engagement in Ihren Anlagen und Vereinen.“ Schulze Fö­cking weist darauf hin, welchen Nutzen Kleingartenanlagen haben, etwa bei der Integration oder dem Erhalt der biologischen Vielfalt. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass die aktuell gute Situation kein Selbstläufer sei: „Für die weitere Entwicklung sind aber auch die vielfältigen Funktionen entscheidend, die Kleingärtner in den Kommunen und in der Gesellschaft zukünftig wahrnehmen wollen und auch können … Ich sehe in allen diesen genannten Bereichen wachsende Anforderungen an das Kleingartenwesen in Nordrhein-Westfalen.“


Vorbilder für Vereine

ImkereiDer gastgebende Bezirksverband Gladbeck informierte über das Thema Imkerei.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter
Wie die Kleingärtner diese An­forderungen bewältigen können, macht Schulze Föcking an Beispielen aus dem Landes­wett­be­werb deutlich – vom Gartenverein „Glück-Auf Dortmund-Dorstfeld“, der ein Beispiel für gelungene Integration ist, bis zum Kleingärtnerverein „Castrop Rauxel Nord“ mit seiner vorbildlichen Jugend­arbeit.

„Ich finde, das hat die Ministerin sehr geschickt gemacht, sie hat viele tolle Projekte vorgestellt, an denen sich viele orientieren können. Der Wandel des Kleingartenwesens hat ja schon begonnen, aber er ist ein Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist“, so Werner Heidemann, Geschäftsführer des Landes­verbandes.

Auch in Gladbeck finden sich Beispiele, die besonders für einen erfolgreichen Wandel des Kleingartenwesens stehen. Etwa der „Caritas-Garten“: „In der Anlage ,Am Nattbach‘ ist ein Garten an die Caritas verpachtet. Zuerst haben dort Menschen mit Behinderung gegärtnert, jetzt gärtnert dort eine syrische Flüchtlingsfamilie“, erklärt Stephan Winter.


Kleingärtner ganz vorne

Besonders beim Blick auf den Schutz von Wildbienen und anderen Insekten nehmen die Kleingärtner eine Vorreiterrolle ein. Vorurteile, dass gerade die Gartenfreunde schneller als andere Hob­bygärtner zur „Giftspritze“ greifen, sind längst widerlegt. Der Wandel ist hier schon weit vorangeschritten. Das Engagement und die Kompetenz der Kleingärtner beim „naturnahen Gärtnern“ werden von vielen anerkannt.


Geschäftsstelle des LandesverbandesHatten alles im Griff: Das Team der Geschäftsstelle des Landesverbandes (v.l.): Christine Dieckmann, Claudia Kiefer, Werner Heidemann, Danuta Menn, Brigitte Moch.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


In ihren Grußworten greifen einige Politiker das hochaktuelle Thema „Insektensterben“ auf – für die Kleingärtner ein alter Hut. Stephan Bevc, u.a. Beisitzer im Landesverband Westfalen und Lippe, informiert im Foyer der Stadthalle über Kinder- und Jugendprojekte zum Thema: „Wir kümmern uns ja schon seit Jahren um den Schutz der Wildbienen und anderer Insekten, etwa durch den Aufbau von Nisthilfen, zurzeit bekommen wir immer mehr Anfragen. Wir Kleingärtner machen da sehr viel. In einer Anlage hatten wir bei 90 Parzellen über 700 Insektenhäuser – dazu wurden natürlich auch die richtigen Nahrungspflanzen für die Wildbienen gepflanzt.“


Neue Ansprechpartner

Es passiert also viel in den Kleingartenanlagen in NRW. Aber das geht meist nicht ohne das notwendige Geld. Um ihren Wandel erfolgreich zu gestalten und ihren Nutzen für die Gesellschaft voll zu entfalten, benötigen die Kleingärtner Fördergelder. Und auf Landesebene gibt es da bekanntermaßen neue Ansprechpartner für den Landesverband: Im Mai 2017 wurde die rot-grüne Koalition abgewählt, seither gibt es eine schwarz-gelbe Regierung.

Und auch wenn die Kleingärtner in NRW traditionell eher im Arbeitermilieu verwurzelt waren, so wird hier ebenso ein Wandel deutlich. Denn der Regierungswechsel stellt sich bislang nicht als Nachteil für den Landesverband dar – nicht nur weil die Kleingärtner von allen Fraktionen des Landtags glei­chermaßen unterstützt werden. „Umweltminister Johannes Remmel hatte immer ein offenes Ohr für unsere Probleme und leistete, wie die Vertreter aller Parteien, durch konstruktive Beiträge wertvolle Hilfestellung. Dies hat sich nach den Wahlen in unserem Land 2017 nicht verändert. Die Zusammenarbeit mit unserer Ministerin, Frau Christina Schulze Föcking, schließt sich hier lückenlos an“, so Wilhelm Spieß bei der Vorstellung des Geschäftsberichts.


Mehr Geld bewilligt

Die neue Landesregierung hat auch gleich die Fördermittel für die Schulungsarbeit der Landesverbände Westfalen und Lippe und Rheinland von 60.000 Euro auf 96.000 Euro erhöht. Allerdings darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass diese Erhöhung schon durch die Vorgängerregierung in die Wege geleitet wurde.


BienenschutzStephan Bevc präsentierte Kinder- und Jugendprojekte zum Bienen­schutz des Bezirks­ver­ban­des Castrop-Rauxel/Waltrop.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


Zusätzlich wurden durch die neue Landesregierung Mittel für das Projekt „Kinder schaffen insektenfreundliche Kleingärten“ in Höhe von 50.000 Euro bereitgestellt. Und auch die Präsentationen der Kleingärtner auf Landesgartenschauen sol­len weiter gefördert werden.

Die Erhöhung der Förderbeiträge für Schulungszwecke war eine Forderung, die u.a. auf der vergangenen Mitgliederversammlung in Dortmund 2016 formuliert worden war. Die Finanzen des Landesverbandes stehen so weiter auf einer soliden Basis. Das wird auch bei der Vorstellung des Kassenberichtes durch Kassierer Jörg Schulz deutlich. Als besondere Ausgaben für die Zukunft nennt er Mittel für neues Inventar der Landesschule. Der Kassenbericht wird ohne Gegenstimme von den Delegierten verabschiedet – ein Beleg für die gute Arbeit von Jörg Schulz und natürlich auch der Buchhalterin des Verbandes, Claudia Kiefer.


Zu wenig Fördermittel

Die Fördergelder für Schulungen dienen aber nicht dazu, den Wandel in den Kleingärten zu finanzieren. „Sorgen bereiten uns noch die Mittel für die Kommunen für die Umgestaltung und den Neubau von Kleingartenanlagen, deren Höhe zurzeit kaum noch Möglichkeiten zulässt. Hier ist eine Mittelerhöhung zukünftig unbedingt erforderlich“, mahnt Spieß.


Kinderzentrum NadeshdaDer Bezirksverband Hamm-Kreis Unna stellte die Partnerschaft mit dem Kinderzentrum Nadeshda vor.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


2017 wurden 226.000 Euro Fördermittel investiert, 2018 300.000 Euro in Aussicht gestellt, erläutert Schulze Föcking in ihrer Rede. „Für den Umbau der Anlagen ist das nicht genug. Wir können locker das Dreifache gebrauchen“, so Geschäftsführer Heidemann.

Das Geld wird dringend benötigt, weil viele Anlagen in den 40er und 50er Jahren entstanden sind. Damals legte man die Gärten schachbrettartig an, pflasterte ein paar breite Wege durch die Mitte und konzipierte die Anlagen so, dass sie für die Öffentlichkeit verschlossen waren.

„Das waren andere Zeiten, die Anforderungen an die Anlagen haben sich komplett verändert“, so Wilhelm Spieß gegenüber dem „Gartenfreund“. „Wir haben z.B. mehr junge Familien, die möchten, dass ihre Kinder in einem verkehrsfreien Raum spielen können. Man könnte mit mehr Fördergeldern aber auch Schulgärten, Barfußpfade oder Kleingartenparks realisieren, mit denen die Anlagen geöffnet werden könnten.“

Auch Norwich Rüße von den Grünen spricht in seinem Grußwort den Modernisierungsstau an: „Da würde ich mir schon wünschen, Frau Ministerin, dass Sie sich an der Stelle dafür einsetzen, dass da noch mal mehr passiert. Es kann ja nicht sein, dass allenfalls ein Viertel an Förderanträgen dann wirklich umgesetzt wird!“ Rüße verschweigt nicht, dass es einen Investitionsstau aus Zeiten der rot-grünen Landesregierung gibt, verweist aber auf das gestiegene Steueraufkommen in NRW: „Ich glaube, das Land hat jetzt die Möglichkeit, mehr zu tun, und das sollten wir auch!“


Der Blick nach vorne

In seinem Grußwort fordert Spieß somit explizit auch die Unterstützung der Kleingärtner. Er lässt es sich auch nicht nehmen, zwischen den Reden der Politiker darauf hinzuweisen, dass die politischen Gespräche immer sehr gut waren. „Nicht immer führten sie aber zu den gewünschten Ergebnissen. Das gehört auch zur Wahrheit“, so Spieß. Nach der Versammlung zeigt sich Spieß aber zuversichtlich: „Ich glaube, dass es uns gelungen ist, die Probleme, die wir mit der Förderung haben, deutlich zu machen.“


Deutsche Schreberjugend NRWAuch die Deutsche Schreberjugend NRW zeigte sich im Foyer mit ihren Projekten.

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


Umweltministerin Schulze Föcking sichert – mit Verweis auf die in der Verfassung festgeschrie­bene Förderung des Kleingartenwesens in NRW – auf jeden Fall ihre Unterstützung zu: „Ich werde mich in diesem Sinn auch weiterhin für eine sinnvolle Förderung engagieren. Kleingärten sind nicht ‚von gestern‘, ganz im Gegenteil, sie sind wertvoller Teil unserer Gesellschaft … Selten boten die Perspektiven des Kleingartenwesens in unserem Land so viel Anlass zu Optimismus“, gibt Schulze Föcking den Delegierten noch mit auf dem Weg. Es bleibt zu hoffen, dass auch ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin (stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest) das Kleingartenwesen ebenso fördern möchte.

Sören Keller, Verlag W. Wächter


Positiv gestimmt

Delegierte bestätigen Vorstände im Amt

„Man ist schon aufgeregt, ich hoffe, dass wir eine Bestätigung für unsere Arbeit bekommen“, schildert die Landesfachberaterin Ulrike Brock­mann-Krabbe ihre Anspannung vor den anstehenden Vorstandswahlen in Gladbeck. Der Vorstandsrat hatte sie, wie auch die anderen amtierenden Amtsträger Wilhelm Spieß (Vorsitzender), Stephan Winter (Schriftführer), Karin Hegel (Landesberaterin für Frauen, Jugend und Familie), zur Wiederwahl vorgeschlagen.

Wie im Landesverband üblich, wurde auf der Mitgliederversammlung nur ein Teil des Vorstandes gewählt. So soll gewährleistet werden, dass der Landesverband zu jeder Zeit verlässlich weitergeführt wird, ohne dass wertvolle Informationen über die Arbeit des Vorstandes verloren gehen. Absprachen können so eingehalten und eingeübte Arbeitsabläufe fortgeführt werden.


neue VorstandDer neue Vorstand (v.l.): Stephan Winter (Schriftführer), Karin Hegel (Landesberaterin für Frauen, Jugend und Familie), Jörg Schulz (Kassierer), Wilhelm Spieß (Vorsitzender), Peter Schulz (stellv. Vorsitzender), Hans-Günther Cremer (Beisitzer), Rolf Rosendahl (Beisitzer), Stephan Bevc (Beisitzer), Ulrike Brockmann-Krabbe (Landesfachberaterin) sowie Geschäftsführer Werner Heidemann

Foto: Rospek/Verlag W. Wächter


Die Aufregung von Brockmann-Krabbe und den anderen Vorstandsmitgliedern war unbegründet: Alle Kandidaten wurden von den Delegierten ohne Gegenstimme wiedergewählt, auch Gegenkandidaten gab es nicht – eine Bestätigung für die gute Arbeit jedes Einzelnen und ein Vertrauensbeweis für die Zukunft. Es scheint den Vorstandsmitgliedern erneut gelungen zu sein, durch ihr Engagement und die Qualität ihrer Arbeit zu überzeugen. „Ich denke, die Wahlen waren gut vorbereitet, so ist auch eine Stabilität des Verbandes für die Zukunft gewährleistet. Für mich persönlich bedeutet das, dass ich mich so weiter für meine Leidenschaft, das Gärtnern, einsetzen kann“, so Wilhelm Spieß, der den Verband die nächsten vier Jahren führen darf.

Auch die Kassenprüfer wurden auf der Mitgliederversammlung in Gladbeck neu gewählt. Der bisherige 1. Kassenprüfer, Heinz Grüneberg vom Stadt- und Bezirksverband Münster der Kleingärtner, hat aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidiert. Die Delegierten spendeten ihm durch großen Beifall ein Dankeschön für seine Arbeit.

Als neuer 1. Kassenprüfer wurde der bisherige 2. Kassenprüfer Reinhard Sender vom Bezirksverband Bielefeld und Kreis Gütersloh der Kleingärtner gewählt. Der bisherige stellvertretende Kassenprüfer Rolf Schaefers vom Stadtverband Bochum der Kleingärtner wurde ins Amt des neuen 2. Kassenprüfers gewählt.

Dirk Vilmar vom Bezirksverband Bielefeld und Kreis Gütersloh der Kleingärtner wurde auf Vorschlag der Delegierten neu als stellvertretender Kassenprüfer ins Amt gewählt – wie bei der Wahl der anderen Kassenprüfer gab es auch hier keine Gegenstimme.

Sören Keller, Verlag W. Wächter