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19.09.2014

Kinder in die Gärten!

Generationenübergreifendes Gärtnern im Fokus der Fachberatertagung

Kinder an die Macht! Nein, das war nicht das Motto der zweiten Fachberatertagung des Jahres 2014. Vielmehr ging es vom 8 bis zum 10. Oktober darum, das Interesse der Kinder zu wecken, und um die bewusste, ansprechende Einbeziehung der Kinder in die vielfältige Welt des Gärtnerns. Gärten für Kinder bzw. das Gärtnern mit Kindern und der damit verbundene Spaß für Jung und Alt standen im Fokus der Wochenendveranstaltung. Es ging dabei auch um das Miteinander der Generationen und um das Erkennen der unterschiedlichen Sichtweisen und Bedürfnisse der jeweils Anderen.

Kinder entdecken ständig etwas Neues, begegnen der Welt unvoreingenommen und sind schnell fasziniert. Ihre Begeisterung steckt auch Erwachsene an und eröffnet ihnen neue Perspektiven. Sie machen die Welt der „Großen“ auf ihre Weise viel interessanter und bunter.

Obendrein bietet das Gärtnern zusätzliche Vorteile, die sowohl Erwachsenen als auch Kindern zugute kommen: Bewegung an der frischen Luft, Frustabbau, abschalten und zur Ruhe kommen, der geduldige Umgang mit der Natur, die Entwicklung von Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl und Fürsorge, gesunde, selbstbestimmte Ernährung und nicht zuletzt das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein und gemeinschaftlich etwas zu schaffen.

Doch wie kann man Kinder, die häufig sehr naturfern aufwachsen und von ge­sell­schaft­li­chen Zwängen stark gefordert sind, überhaupt für den Garten begeistern? Wie bringt man sie zum Gärtnern, und wie kann ein Garten aussehen, der Kindern Spaß macht?

Kinder für Natur und Garten begeistern
Fragen, auf die die Referentin des Freitagabends in ihrem Vortrag „Riechen, fühlen, schmecken – Kinder für Natur und Garten begeistern“ eine reich bebilderte Antwort bot. Sigrun Zobel, Leiterin und Umweltpädagogin im BUND Naturerlebnisgarten in Herten, stellte sehr engagiert und überzeugend ihre Arbeit mit den unterschiedlichsten Kinder- und Jugendgruppen vor und ließ die Zuhörer auch an ihren Erfahrungen mit der Integration behinderter und nicht behinderter Menschen teilhaben.

Auf einem ehemaligen Zechengelände an der Paschenbergstraße in Herten ist in den vergangenen 16 Jahren unter der Regie von Sigrun Zobel und weiterer engagierter Helfer ein 20.000 m² großer Erlebnisgarten entstanden, in dem jährlich ca. 6000 Kinder (das sind bis zu drei Schulklassen täglich) unter Anleitung ihre ganz eigenen Gartenerfahrungen sammeln können. Auch der regelmäßige Austausch zwischen Senioren- und Kindergruppen wird gepflegt. Für die Integration behinderter und nicht behinderter Menschen ist ebenfalls Zeit, Raum und viel Verständnis vorhanden.

Gemeinsam wird die Welt der Regenwürmer im Glas erforscht, Strohballenhäuser und Pizzaöfen werden gebaut oder Pflanzen ausgesät, gepflegt und geerntet. Das ge­mein­schaft­li­che Verarbeiten und Verzehren der herangezogenen oder gesammelten Köstlichkeiten aus dem Garten ist in den Augen der Kinder ein Highlight und ein absolutes Muss. Kinder lernen in der Regel durch Versuch und Irrtum oder durch Imitation der Erwachsenen, und es ist dabei immer hilfreich, wenn sie Fehler machen dürfen und eigene Erfahrungen sammeln können.

Durch Ideenreichtum lassen sich gefahrvolle Situationen entschärfen, indem z.B. die für den „Schwerterkampf“ gesammelten Stöcke und Äste mit eigenen Verzierungen plötzlich zu wertvollen und behüteten Staffelstäben umfunktioniert werden. Auch das ungeliebte Unkrautjäten ist gar nicht mehr so übel, wenn man einen „Ziegenfutter-Such-Wettbewerb“ daraus macht. Sigrun Zobel hat mit vielen Beispielen gezeigt, dass es möglich ist, Kinder für das Gärtnern zu gewinnen und die Generationen im Garten zusammenzubringen.

Mitmachen erwünscht auf dem Gartenfreund-Expertenforum
Der zweite Tag der Fachberatertagung fand dieses Mal in Kombination mit dem 8. „Gartenfreund-Expertenforum“ statt, das vom Verlag W. Wächter, den Firmen Volmary und Nebelung sowie dem Landesverband Westfalen und Lippe und der Deutschen Schre­ber­ju­gend auf dem Kaldenhof in Münster ausgerichtet wurde.


Gute Stimmung und viel Arbeit am Info-Stand des Verlags W. Wächter
(v.l.): Geschäftsführerin Sylvia Stanulla, Verleger Oliver Wächter, Verlagsmitarbeiterin Gisela Puhst.


Nach einem temperamentvollen Start in das umfangreiche Programm durch eine Tanzperformance der Schreberjugend Bergkamen eröffneten die Gartenfreunde Stefan Bevc, Beisitzer im Landesverband, und Christian Ernst, Landesjugendleiter im Landesverband NRW der Schreberjugend, die Vortragsreihe mit ihren Ausführungen zur „Jugendarbeit in der Kleingärtnerorganisation“.

Die Mitarbeiter der Firmen Volmary und Nebelung führten mit ihren Referaten zur kindgerechten Pflanzenwelt und zu den entsprechenden züchterischen Neuheiten die Vortragsreihe fort.

Erstmals wurde im Rahmen des Expertenforums neben der Besichtigung der Ver­suchs­flä­chen und Schaugärten auch ein vielfältiges Begleitprogramm geboten. Interessante Mitmachinseln luden zum aktiven Gestalten, Probieren, Riechen, Schmecken und Fühlen ein. Sie wurden von den Besuchern, die sich von der guten Stimmung und dem Elan der Akteure gerne anstecken ließen, sehr gut angenommen. Ein voller Erfolg, wie Mit-Ver­an­stal­ter und Verleger Oliver Wächter treffend bemerkte.

Nach einer fruchtigen Smoothies-Kostprobe der Firma Nebelung lockte der Duft des selbst gerösteten und gemahlenen Kaffees aus fairem Handel an die Mitmachinsel der Kinder- und Jugendinitiative Castrop-Rauxel/Waltrop und der Initiative „Faires Castrop-Rauxel“. Die beiden Initiativen des Bezirksverbandes beteiligen sich seit vielen Jahren an der Kinder- und Jugendförderung ihrer Stadt bzw. an dem Aktionsbündnis „Faires Castrop-Rauxel/Fairtrade“. Viele engagierte Helfer und Ideengeber waren auf dieser Mitmachinsel am Werk. Neben weiteren Attraktionen waren die selbst gebastelten Grasköpfe und Insektenhotels der Renner. Hier war das handwerkliche Geschick der Besucher gefordert.


„Beeren Stark“ und „Milde Grünkraft“ gab es zur Stärkung am Smoothie Stand


Kaffee rösten mit Bernhard Lammers am Fairtrade-Stand der Castrop-Rauxler Kleingärtner


In einem Sinnesparcours sorgte die Schreberjugend für eine gehörige Portion Verwirrung, indem die Teilnehmer mit verbundenen Augen ihre Geschmacks- und Geruchsnerven auf die Probe stellen konnten. Auf diese Weise wurden schon viele Kinder an gesundes Ge­mü­se und den bewussten Umgang mit Lebensmitteln herangeführt. Und mit der Anleitung zum Basteln von Samenkugeln lässt sich die Blütenvielfalt in der Stadt wirkungsvoll erhöhen.


Grasköpfe basteln mit der Kinder- und Jugendinitiative Castrop-Rauxel macht Spaß.



Sehr beeindruckend und entsprechend gut frequentiert war auch der Färbergarten des Kgv. „Am Trinenkamp“ aus Gelsenkirchen, der als UNESCO-Dekade-Projekt ausgezeichnet wurde und den Image-Preis der Stadt Gelsenkirchen erhielt. Der Gartenfreund Friedhelm Walden demonstrierte engagiert, kenntnisreich und sehr effektvoll die Herstellung und Verwendung von Naturfarben aus Rotkohl, Zwiebeln und anderen Pflanzen. Chemische Reaktionen der mit Natron oder Essig behandelten Pflanzensäfte versetzten die Zuschauer immer wieder in Erstaunen.


Farben selbst herstellen aus Pflanzen – Friedhelm Walden vom Kgv. „Trinenkamp“ aus Gelsenkirchen zeigt, wie es geht.


Der Praxistest: Zwei Besucherinnen malen mit Pflanzenfarbe ihre Bilder.


Das umfangreiche Programm wurde durch die dargebrachten Tanzeinlagen der weiblichen Schreberjugend Bergkamen abgerundet. Die flotte Musik sorgte nicht nur bei den Tän­ze­rin­nen für den nötigen Schwung, sondern mobilisierte auch die Besucher der Ver­an­stal­tung.

Informationen aus dem Landesverband
Das Fachberaterseminar bot neben fachspezifischen Aspekten auch ausreichend Zeit für verbandsinterne Themen: Unser Pressebeauftragter Michael Schöneich rief die Gar­ten­freun­de zur Mithilfe auf. Für einen Artikel im „Gartenfreund“ sucht er vorbildliche Beispiele für Projekte mit Kooperationspartnern. Auch Interviewpartner für Erfahrungsberichte zur Fachberatertätigkeit werden gesucht. Interessenten können sich unter der folgenden Kontaktadresse melden: michaelschoene-ich@web.de

Wie üblich gab unser Landesverbandsvorsitzender Wilhelm Spieß am Sonntag einen umfassenden Überblick über aktuelle Nachrichten aus dem Landesverband und dem BDG. Die kleingartenpolitischen Gespräche und die Kleingartenförderung wurden ebenso thematisiert wie die Schulungen an der Landesschule, die Jubiläumsveranstaltungen zur Schreberbewegung, der Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“ oder der Bun­des­kon­gress in Kassel und der Erhalt des Kleingärtnermuseums in Leipzig.

Kinder erwünscht
Die Mitmachinseln auf dem Kaldenhof, aber auch die begleitenden Diskussionen und persönlichen Gespräche haben gezeigt, dass viele Gartenfreunde zum Teil schon seit langer Zeit sehr engagiert und phantasievoll daran arbeiten, Kinder gezielt einzubinden und die Generationen in ihren Gärten und Gartenanlagen zusammenzubringen, so etwa durch gemeinschaftliche Spiele und ideenreiche Bastelaktionen, durch den geduldig beratenden Austausch zwischen Großeltern und Enkeln oder durch die Einbeziehung von Kindergarten- und Schülergruppen bei der Erforschung des Lebens der Honigbienen.

Als diese Gartenfreunde von ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen berichteten, war die Freude und Begeisterung selbst nach einem langen Seminartag deutlich spürbar. Trotz negativer Erfahrungen mit wenig offenen Gartenfreunden, denen Kinder in der Anlage oftmals zu laut und zu unruhig sind, oder hinsichtlich des erhöhten Arbeitsaufwandes, der zusätzlich zu den alltäglichen Verpflichtungen nicht immer zu leisten ist, war die Not­wen­dig­keit des gemeinschaftlichen Gärtnerns von Jung und Alt unbestritten.

Am Ende der Tagung war bei den Seminarteilnehmern eine deutliche Motivation zum „Gärtnern mit Kindern“ und zum Umsetzen der neu gewonnenen Ideen zu erkennen. Die Tagung hat gezeigt: „Gärten für Kinder“ sind möglich und machen ganz offensichtlich auch Erwachsenen Spaß!

Ulrike Brockmann-Krabbe,
Landesfachberaterin