Westfalen-Lippe
Drucken   Schliessen
http://kleingarten-westfalen.de/artikel_2021.html
(10.07.2009, Thomas Wagner)

Bauministerium veröffentlicht Kleingartenstudie

Die vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Auftrag gegebene Kleingartenstudie zur städtebaulichen, ökologischen und sozialen Bedeutung des Kleingartenwesens beweist: Kleingärten sind für Kommunen nach wie vor unverzichtbar.

Kernaussagen

1. Allgemein
Bedeutung und Attraktivität des Kleingartenwesens sind ungebrochen: In Deutschland gibt es 1,24 Mio. Kleingärten, die jeweils von durchschnittlich 4,5 Personen genutzt werden. Damit profitieren insgesamt mehr als 5 Mio. Menschen von den kleinen Gärten. Diese Zahlen sind in den vergangenen 10 Jahren nahezu unverändert geblieben (leichte Reduktion).

2. Politik
Das Kleingartenwesen genießt einen starken Rückhalt in der Politik. Das spiegelt sich wider in einem hohen Interesse der Kommunen am Kleingartenwesen und seinen Themen – in über 90 Prozent aller Kommunen ist das Kleingartenwesen ein wichtiges Handlungsfeld der Verwaltung. Für die Städte und Gemeinden geht es dabei vor allem um die städtebaulichen, ökologischen und sozialen Funktionen der Kleingartenanlagen.

3. Bestände
Kleinartenanlagen stehen insbesondere in den Innenstädten in Konkurrenz zu anderen Nutzungen. In gut jeder dritten Kommune wurden in den vergangenen 10 Jahren Kleingartenanlagen in Bauland umgewandelt oder für Verkehrsflächen geopfert. Nur für 45 Prozent der verlorenen Gärten wurde Ersatz geschaffen. Trotz eines Überangebots an Kleingärten in manchen Regionen (siehe Punkt 4) sind solche Umnutzungen problematisch. Denn „umgenutzt“ wird häufig in Großstädten, in denen die Nachfrage nach Kleingärten das Angebot übersteigt.

4. Nachfrage
Kleingärten sind und bleiben beliebt. Insbesondere in den Großstädten übersteigt die Nachfrage nach wie vor das Angebot – 40 Prozent aller Vereine führen Wartelisten (alte Bundesländer: 60 Prozent). In Regionen, die durch Bevölkerungsrückgang geprägt sind, finden inzwischen aber auch manche Gärten keine Pächter. Insgesamt klagen ein Drittel der Vereine über Leerstände – bei ihnen standen 2,5 Prozent der Gärten schon länger als ein Jahr leer. Die Vereine reagieren auf diese Entwicklung mit massiver Öffentlichkeitsarbeit, um Neumitglieder zu gewinnen. Gleichzeitig werden die leerstehenden Gärten auch als Chance begriffen, um Gemeinschaftsflächen zu vergrößern oder soziale Projekte zu starten. So werden etwa unverpachtete Parzellen in Tafelgärten umgewandelt, die soziale Einrichtungen mit Obst und Gemüse versorgen.

5. Grüne Städte
Kleingartenanlagen machen Städte und Gemeinden attraktiver. Sie tragen wesentlich dazu bei, verdichtete Gebiete aufzulockern und zu durchgrünen. Synergieeffekte ergeben sich durch die Einbindung in bestehende Grünzüge – 44 Prozent der Kommunen legen in ihren Planwerken hierauf besonderen Wert. Anhaltend ist der Trend, Kleingartenanlagen in der Stadtplanung als Möglichkeit zu begreifen, städtische Biotopflächen und öffentliche Erholungsgebiete zu profilieren.

6. Naherholung für alle
Nicht nur die Kleingärtner selbst profitieren von den Kleingartenanlagen – alle Einwohner einer Kommune haben etwas davon. 84 Prozent aller Kleingartenanlagen sind öffentlich zugänglich und laden zum Flanieren und Verweilen ein. Durch die Vernetzung der Anlagen mit bereits bestehenden Grünflächen (siehe Punkt 3) wird der Freizeit- und Erholungswert weiter gesteigert.

7. Grün für alle
Kleingärten bieten Grün für alle. Die kleinen Parzellen sollen einen Ausgleich schaffen zum verdichteten Geschosswohnungsbau und einen Ersatz bieten für fehlendes Grün vor der Haustüre. Dieser Aufgabe werden sie gerecht: 82 Prozent der Kleingärtnerhaushalte sind Mieterhaushalte, die zumeist in mehrgeschossigen Wohnblocks leben (67 Prozent im Westen, 74 Prozent im Osten). Die eigene Parzelle bietet wohnungsnahen Ausgleich für das fehlende Grün. 84 Prozent aller Gärten liegen maximal fünf Kilometer von der Wohnung entfernt. 96 Prozent aller Kleingärtner brauchen maximal eine halbe Stunde bis zu ihrem Garten, 60 Prozent brauchen sogar weniger als eine Viertelstunde.

8. Stadtökologie
Kleingartenanlagen unterstützen ein gesundes Wohnen in der Stadt. Denn sie erfüllen wichtige Ausgleichsfunktionen in Bezug auf Klima, Temperatur, Luftfeuchtigkeit. Zudem helfen Sie, Artenvielfalt zu erhalten, indem sie Rückzugsräume eröffnen. Diese Sichtweise der Kleingartenanlagen setzt sich mehr und mehr durch. Ein Drittel aller Städte stuft die städtökologische Bedeutung der Kleingärten als sehr bedeutsam ein.

9. Ökologisches Bewusstsein
Natur- und Umweltschutz werden bei den Gartenfreunden groß geschrieben. Befragt nach der Bedeutung, die ihr Kleingarten für sie persönlich hat, steht dieser Aspekt ganz oben – noch vor der Gesundheitsvorsorge und der Freude an der Gartenarbeit. Für fast alle Kleingärtner ist es selbstverständlich, Grundregeln des naturnahen Gärtnerns selbst zu praktizieren. So nutzen 97 % Regenwasser zum Bewässern, 96 % kompostieren. Besonders ausgeprägt ist das Bewusstsein für naturnahes Gärtnern bei den jüngeren Gartenfreunden, die ihren Garten seit höchstens 10 Jahren bewirtschaften. Mehr als jeder Zweite dieser Neu-Kleingärtner (54 %) betreibt biologischen Anbau von Obst und Gemüse, fast zwei Drittel (61 %) verzichten auf Kunstdünger, mehr als vier Fünftel (82 %) lehnen chemische Schädlingsbekämpfung ab. Gefördert wird diese Entwicklung durch die Fachberatung der Vereine, die in den vergangenen 10 Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. 84 % der Vereine nutzen diesen Weg, um das Natur- und Umweltbewusstsein ihrer Mitglieder zu fördern (1997: 75 %). Ökologische Musterkleingärten, die es in jeder zehnten Anlage gibt und in denen Möglichkeiten des naturnahen Gärtners verdeutlicht werden, unterstützen diesen Prozess zusätzlich.

10. Pachtdauer
Ein Kleingarten ist meist ein Lebensprojekt. Durchschnittlich werden die deutschen Kleingärten seit 19 Jahren von ein- und demselben Pächter bewirtschaftet. Jeder fünfte Pächter tut dies bereits seit mehr als 30 Jahren. Diese Bindung fördert das Entstehen von stabilen und tragfähigen Gemeinschaften in den vereinen. Gleichwohl findet in den Vereinen ein steter Erneuerungsprozess statt. Ein Viertel aller Pächter hat erst im Jahr 2000 oder später mit der Bewirtschaftung begonnen.

11. Demografie
Kleingärten sind ein Projekt für alle Generationen. Insbesondere der Zulauf jüngerer Familien hält seit einigen Jahren an bzw. verstärkt sich. 45 Prozent aller Neuverpachtungen gingen in den vergangenen fünf Jahren an Familien mit Kindern. 64 Prozent aller Pächter, die seit dem Jahr 2000 einen Garten übernommen haben, sind jünger als 55 Jahre. Diese Entwicklung verlangsamt den Alterungsprozess im Kleingartenwesen insgesamt. Da die meisten Kleingärtner ihrer Parzelle bis ins hohe Alter hinein die Treue halten (siehe 9.), ist das Durchschnittsalter in den Vereinen inzwischen recht hoch – es liegt bei knapp 60 Jahren.

12. Interkulturalität
Kleingärten sind offen für alle – und ein Projekt für Menschen unterschiedlichster Herkunft. Der Anteil der Kleingärtner mit Migrationshintergrund liegt nach der vorliegenden Studie bei 7 Prozent, der BDG beziffert ihren Anteil auf 7 bis 8 Prozent. Diese Zahlen werden weiter steigen. Unter den Neuverpachtungen der letzten 5 Jahre liegt der Anteil der Migranten bereits bei 12 Prozent. Sie tragen wesentlich zur Verjüngung der Vereine bei.

13. Soziale Mischung
In Kleingärten treffen sich Menschen aus unterschiedlichsten Milieus. Zwei Drittel aller Erwachsenen verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung, weitere 17 Prozent über einen Hochschulabschluss. Der Anteil Ungelernter ist mit 7 Prozent gering. Aufgrund der Altersstruktur ist jedoch die Erwerbsquote unter den Kleingärtner mit 33 Prozent niedrig – mehr als die Hälfte aller Kleingärtner sind Rentner, 17 Prozent sind arbeitslos (Ostdeutschland: 26 Prozent). Gerade für diese Gruppen ist der Kleingarten ein wichtiges, sinnstiftendes Betätigungsfeld.

14. Einkommen
Kleingärten federn soziale Ungleichheiten ab und eröffnen auch Menschen mit weniger Geld Erholung im eigenen Stück Grün. Unter den Kleingärtnern überwiegen die geringeren und mittleren Einkommen. Die größte Gruppe der Kleingärtnerhaushalte (55 Prozent) verfügt über ein monatliches Einkommen zwischen 800 und 1.800 Euro (brutto / netto?), jeder zehnte Haushalt muss gar mit weniger als 800 Euro auskommen. Gerade für diese Gruppen gewinnt der Aspekt der Selbstversorgung mit gesunden Lebensmitteln aus dem eigenen Garten an Bedeutung. Insgesamt unterstreicht die Einkommensstruktur die wichtige soziale Bedeutung des Kleingartenwesens.

15. Kosten
Kleingärten sind bezahlbar für alle. Die Bewirtschaftung eines Kleingartens kostet nur wenig mehr als einen Euro am Tag (412 Euro im Jahr) – inklusive aller individuellen Ausgaben für Pflanzen, Gartengeräte etc. Diese geringen Kosten sind wichtige Voraussetzung dafür, dass Kleingärten ihrem sozialen Auftrag gerecht werden (siehe Punkt 14). Allerdings ist diese Sozialverträglichkeit teilweise bedroht: Zwar ist die Höhe der Pacht mit 0,17 Euro pro Quadratmeter seit 2002 weitgehend stabil geblieben. Doch insgesamt sind die Kosten für die Bewirtschaftung eines Kleingartens seit 1997 um etwa ein Drittel erhöht. Ursache dafür sind gestiegene Kosten für Grundsteuern, kommunale Abgaben (Müll, Ver- und Entsorgung), Energiekosten etc. Dies führt dazu, dass jeder achte Kleingärtnerhaushalt befürchtet, aus Kostengründen in naher Zukunft auf seinen Kleingarten verzichten zu müssen. Hier sind die Vereine gefordert, nach sozialverträglichen Lösungen zu suchen und etwa kleinere Gärten anzubieten.

16. Vereinsleben
Kleingärten sind Orte des harmonischen Miteinanders. Lediglich vier Prozent der Vereine berichten von „erheblichen Konflikten“ zwischen den Pächtern, fast die Hälfte der Vereine weiß von keinerlei Störungen zu berichten. Die überwältigende Mehrheit der Kleingärtner (80 Prozent) übernimmt selbstverständlich Gemeinschaftsaufgaben in der Kleingartenanlage, jeder Fünfte engagiert sich darüber hinaus ehrenamtlich in der Vereinsarbeit.

17. Engagement der Vereine

Kleingärtnervereine sind gesellschaftlich relevante Akteure. Neben den traditionellen Aktivitäten wie das Veranstalten von Sommerfesten engagieren sich viele Vereine inzwischen weit über die Grenzen der Kleingartenanlage hinaus. Jeder zweite Verein pflegt intensive Kontakte und Partnerschaften zu sozialen Einrichtungen. Damit sind und bleiben die Kleingärtnervereine eine lebendige, engagierte Gemeinschaft, deren Wirken weit in die Gesellschaft hinein zu spüren ist.

18. Zufriedenheit
Die allermeisten Kleingärtner sind mit ihrem Verein vollauf zufrieden. Dies spiegelt sich wider in einer hohen Anerkennung, die die Mitglieder ihren ehrenamtlich tätigen Vorständen zollen. 80 Prozent der Kleingärtner sind mit der Organisation und Leitung in ihren Vereinen voll bzw. überwiegend zufrieden. Die Vorstandsmitglieder und Vereinsvorsitzenden investieren im Schnitt 241 Stunden im Jahr in die Vereinsführung.

19. Gartenkultur
Kleingärtnervereine helfen, eine vielerorts verloren gegangene Gartenkultur zu bewahren und weiterzuentwickeln. Hierbei spielt die Fachberatung eine zentrale Rolle, deren Bedeutung in den vergangenen 10 Jahren stark zugenommen hat. 84 % der Vereine nutzen diesen Weg, um Gartenwissen an ihre Mitglieder weiterzugeben und deren Natur- und Umweltbewusstsein zu fördern (1997: 75 %). Mehr als die Hälfte der Vereine (52 Prozent) bilden ihre Mitglieder zusätzlich in Informationsveranstaltungen weiter. Jede zehnte Anlage betreibt ökologische Musterkleingärten, in denen Möglichkeiten des naturnahen Gärtners anschaulich verdeutlicht werden.

_________________________________________________________________________
Download: Studie_Kleingartenwesen


Drucken   Schliessen
© Bundesverband
Alle Rechte vorbehalten