Direkt zum Inhalt Direkt zur Hauptnavigation
zurück zur vorherigen Seite

Symbiosen im Boden: Wie Bakterien, Pilze und Kompost Ihren Kleingarten stärken

Struktur des Pilzmyzels ©Andreas Häuslbetz – istockphoto
Struktur des Pilzmyzels ©Andreas Häuslbetz – istockphoto

Die stillen Helfer in der Erde
Wenn wir größere Projekte oder Umbauarbeiten in unserem Kleingarten planen, sind wir über jede helfende Hand dankbar. Dabei übersehen viele Gärtner, dass uns für das eigentliche „große Projekt“, das Kultivieren von Pflanzen, bereits von Natur aus eine ganze Armee kleiner Helfer zur Seite steht. In einem einzigen Kubikzentimeter Erde leben je nach Bodenart zwischen 10⁶ und 10⁹ Mikroorganismen. Natürlich zählen darin nicht nur nützliche Partner, sondern auch ein Teil unerwünschter Keime. Trotzdem bleiben mehr als genug „helfende Hände“ übrig, um die Gartenarbeit zu erleichtern.

Gezielt eingesetzt können Bakterien und Pilze die Wasser‑ und Nährstoffaufnahme der Pflanzen verbessern. Das Ergebnis: kräftigere, gesündere Pflanzen und oft ein deutlich höherer Ertrag. Gerade in Zeiten des Klimawandels, in denen wir mit knapper werdenden Ressourcen und extremeren Wetterlagen kämpfen, ist dieses natürliche Unterstützungssystem aktueller denn je. Im Folgenden stellen wir drei besonders wichtige Symbiosen vor, die Beziehung zwischen Hülsenfruchtbakterien (Familie Rhizobiaceae) und ihren Wirtspflanzen sowie die Zusammenarbeit von Pflanzen mit Mykorrhizapilzen. Der letzte Teil behandelt den Kompost als „Marktplatz“ des Gartens.

Rhizobien – die Knöllchen‑Bakterien

Rhizobien sind Bodenbakterien, die mit Pflanzen aus der Familie der Hülsenfrüchte (Fabaceae, früher Leguminosae) eine mutualistische Symbiose eingehen. „Mutualistisch“ bedeutet, dass beide Partner aus der Interaktion Nutzen ziehen. Der Prozess ist kein Zufall, sondern ein aktiv von der Pflanze gesteuerter Vorgang: Über die Wurzeln geben die Pflanzen Wurzelexsudate – chemische Verbindungen, die wie Lockstoffe auf Rhizobien (und auch auf manche Pilze) wirken.

Knöllchenbakterienhaufen an den Wurzeln einer Buschbohne ©Stephan Grote – Landesverband Westfalen und Lippe der Kleingärtner e.V.
Knöllchenbakterienhaufen an den Wurzeln einer Buschbohne ©Stephan Grote – Landesverband Westfalen und Lippe der Kleingärtner e.V.

Die Bakterien dringen in die Wurzelzellen ein und bilden dort knöllchenartige Strukturen – daher Ihr Name „Knöllchenbakterien“. In diesen Knöllchen läuft die Stickstoff‑Fixierung ab: Das Enzym Nitrogenase wandelt atmosphärischen Stickstoff (N₂) in Ammoniak (NH₃) um, das anschließend zu Ammonium (NH₄⁺) protoniert wird. Die Pflanze kann dieses Ammonium direkt als Stickstoffquelle nutzen. Da Pflanzen das Enzym Nitrogenase nicht selbst besitzen, sind sie auf die Rhizobien angewiesen.

Im Gegenzug erhalten die Bakterien von der Pflanze Kohlenhydrate, die bei der Photosynthese entstanden sind. Damit ist die Beziehung ein klassisches Win‑Win‑Szenario.


Praktische Anwendung im Kleingarten

Hülsenfrüchte als Gründüngung
Bauen Sie Hülsenfrüchte wie z.B. Erbsen und Bohnen in Ihrem Beet an. Diese Pflanzen reichern den Boden nicht nur mit organischer Substanz, sondern ziehen gleichzeitig Rhizobien an, die den Stickstoffgehalt erhöhen. Nach der Ernte können Sie die Pflanzenreste als Mulch oder Kompost einarbeiten – das liefert den nachfolgenden Starkzehrern (Tomaten, Gurken, Paprika, Kürbis, Zucchini) einen nährstoffreichen Start.

Verwendung von reifem Kompost
Eine regelmäßige Verwendung von reifem Kompost führt zu einer natürlichen Aufwertung des Bodens, durch das Einbringen einer Vielzahl nützlicher Mikroorganismen. Dies unterstützt, in Kombination mit der Kultivierung von Hülsenfrüchten als Vorkultur und Gründüngung, auch die gezielte Anreicherung von Rhizobien.

Zusätzliche Rhizobien-Inokulation
Wenn Ihr Boden häufig tiefgründig umgegraben, stark bearbeitet oder lange nicht bepflanzt wurde, kann die natürliche Rhizobien‑Population stark reduziert oder sogar abwesend sein. In solchen Fällen lohnt sich die einmalige gezielte Beimischung eines Rhizobien‑Substrats (flüssig oder fest). Achten Sie dabei genau auf die Herstellerangaben bezüglich Dosierung, Anwendungszeitpunkt und Lagerung. Entscheidend hierbei ist jedoch die fortlaufende Nutzung von Hülsenfrüchten für die Erhaltung der Rhizobien-Population.

Mykorrhizza

Mykorrhiza – das ist die faszinierende, jahrtausendealte Partnerschaft zwischen Pilzen und Pflanzenwurzeln. In dieser Symbiose tauschen die beiden Partner lebenswichtige Ressourcen aus: Die Pilze erhalten von den Pflanzen Kohlenhydrate, die sie durch Photosynthese produzieren, während sie im Gegenzug das Wurzelsystem der Pflanzen mit einem weit verzweigten Netzwerk aus feinen Hyphen durchdringen. Dieses Netzwerk vergrößert die effektive Wurzeloberfläche um ein Vielfaches und ermöglicht den Pflanzen den Zugang zu Wasser, mineralischen Nährstoffen (insbesondere Phosphor, aber auch Stickstoff, Kalium und Mikronährstoffen) sowie zu organischen Substanzen, die sonst für die Wurzel kaum erreichbar wären.

Gleichzeitig schützen die Pilze ihre Wirte vor Bodenpathogenen (schädliche Mikroorganismen), verbessern die Bodenstruktur und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegen Stressfaktoren wie Trockenheit oder Salzbelastung. Im Gartenbau, wo Kulturpflanzen von Gemüse und Kräutern über Obstbäume bis hin zu Zierpflanzen unter oft begrenzten und stark beanspruchten Bodenbedingungen kultiviert werden, gewinnt die gezielte Nutzung von Mykorrhizapilzen immer mehr an Bedeutung.

Durch die Anreicherung des Bodens mit geeigneten Mykorrhiza‑Stämmen lässt sich nicht nur die Nährstoffeffizienz steigern und der Einsatz von mineralischen Düngern reduzieren, sondern auch die Pflanzengesundheit und das Ertragspotenzial nachhaltig verbessern. Darüber hinaus fördert die Pflege natürlicher Mykorrhiza‑Beziehungen die Biodiversität im Garten, stärkt das mikrobielle Bodenleben und trägt zu einem gesunden und stabilen Ökosystem bei.

Mykorrhiza im Boden: Der Fliegenpilz ist das sichtbare Zeichen des Zusammenlebens des Pilzes mit der Birke im Boden. ©LexisJan – istockphoto
Mykorrhiza im Boden: Der Fliegenpilz ist das sichtbare Zeichen des Zusammenlebens des Pilzes mit der Birke im Boden. ©LexisJan – istockphoto

Je nach Art des Pilzwachstums lassen sich drei Hauptformen unterscheiden. Die Ektomykorrhiza bildet einen dichten Hyphenmantel um die Wurzeloberfläche und ein feines Hartig‑Netz zwischen den Pflanzenzellen, dringt jedoch nicht in die Zellen selbst ein. Dieses System ist typisch für viele Bäume und Sträucher, insbesondere Laubbäume wie Eiche, Buche und Birke sowie Nadelbäume wie Kiefer und Fichte, und vergrößert die effektive Wurzeloberfläche um ein Vielfaches, wodurch die Aufnahme von Wasser, Phosphor, Stickstoff und Mikronährstoffen stark verbessert wird. Gleichzeitig schützt der Mantel die Wurzel vor Pathogenen und indirekt vor mechanischer Beschädigung durch die Stabilisierung des Bodens, Verbesserung der Wurzelstruktur und Erhöhung der Stresstoleranz. Prominente Beispiele für Ektomykorrhiza-Symbiosen sind Fliegenpilz und Birke, Steinpilz und Buche, sowie Pfifferling und Fichte.

Im Gegensatz dazu dringen die Pilzhyphen der Endomykorrhiza direkt in die Pflanzenzellen der Wurzeln ein und bilden dort intrazelluläre Strukturen. Innerhalb dieser Gruppe gibt es zwei besonders bedeutende Spezialformen. Die arbuskulären Endomykorrhiza (AM) sind bei ca. 95% der Pflanzen verbreitet, darunter das gängige Gemüse (Tomate, Gurke, Paprika), Hülsenfrüchte, Getreide, Kräuter und zahlreiche Zierpflanzen. Die Pilze entwickeln feine, baumartige Verzweigungen – die Arbuskeln im Inneren der Pflanzenwurzelzellen, wodurch ein äußerst großer Kontakt zwischen Pilz‑ und Cytoplasma der Pflanzen entsteht. Diese Struktur ermöglicht einen effizienten Austausch von Kohlenhydraten, die die Pflanze liefert, und von mineralischen Nährstoffen, insbesondere Phosphor, die der Pilz aus dem Boden mobilisiert. Zusätzlich erhöht diese Art der Symbiose die Toleranz gegenüber Trockenstress, Salzstress und schädlichen Bodenmikroorganismen.

Die zweite Form der Endomykorrhiza ist die ericoide Mykorrhiza. Sie kommt fast nur bei Pflanzen aus der Familie der Ericaceae vor, etwa Heidelbeere, Preiselbeere oder Rhododendron. Die Pilze dringen in die feinen Wurzeln ein und bilden dort dichte Strukturen. Mit speziellen Enzymen können sie schwer abbaubare organische Stoffe in sauren, nährstoffarmen Böden nutzen. Dadurch erhalten die Pflanzen Zugang zu sonst schwer verfügbaren Nährstoffen und sind besser an saure und trockene Standorte angepasst.

Praktische Anwendung im Kleingarten

Boden‑ und pH‑Optimierung
Förderlich für das Pilzwachstum ist ein lockerer, gut durchlüfteter Boden. Zu beachten ist ein pH‑Wert von 5,5–7,5 für AM bzw. 4,0–6,0 für EM und verminderte Phosphat‑Düngung um etwa ein Drittel, damit die Pilze nicht „unterdrückt“ werden.

Richtigen Pilztyp wählen & beim Pflanzen einbringen
Setzen Sie arbuskuläre Mykorrhiza (AM) für Gemüse, Kräuter und Zierpflanzen und Obstbäume, ericoide Pilze für alle Pflanzen der Familie Ericaceae (Heidelbeeren, etc.). Geben Sie das Granulat bzw. das flüssige Inokulat am besten sofort in das Pflanzloch und vermischen Sie es leicht mit der Erde.

Feuchtigkeit & Mulch kontrollieren
Nach dem Einbringen den Boden 2–3 Wochen gleichmäßig feucht halten (Tropfbewässerung ist ideal). Eine Mulchschicht aus Stroh, Laub oder Holzspänen schützt das Myzel vor Austrocknung, liefert zusätzliche Kohlenstoffquelle und verbessert die Bodenstruktur.

Lagerung & Wiederinokulation
Trockenes Pulver/Granulat kühl (4–10 °C) und trocken lagern; flüssige Präparate im Kühlschrank (4–10 °C). Bei intensiver Bodenbearbeitung (Jahresumbruch, tiefes Umgraben) das Mykorrhiza‑Inokulat zu Beginn der neuen Saison erneut ausbringen, um das Netzwerk wieder aufzubauen.

Langfristige Kontrolle & Integration
Beobachten Sie über mehrere Saisons den Unterschied zwischen behandelten und unbehandelten Flächen (kräftigere Wurzeln, höhere Erträge, weniger Nährstoffmangel). Kombinieren Sie Mykorrhiza‑Inokulant nach Möglichkeit mit nützlichen Bodenbakterien (z. B. Rhizobien). Selbstverständlich sollte die Ausbringung von Fungiziden unterbleiben.

Kompost als Sammelstelle verschiedenster Symbiosen

Kompost ist kein toter Haufen Gartenabfälle, sondern ein lebendiges System. In ihm arbeiten unzählige Mikroorganismen wie Bakterien, Pilze und andere Kleinstlebewesen zusammen und bilden das sogenannte Bodennahrungsnetz. 

Am Anfang bauen Bakterien schnell leicht verfügbare Stoffe wie Zucker und Eiweiße ab. Dabei vermehren sie sich stark und bereiten den Kompost für weitere Organismen vor. Anschließend übernehmen Pilze die schwerer abbaubaren Bestandteile wie Holzfasern. Sie durchziehen das Material mit feinen Fäden und helfen dabei, stabile Humusstoffe zu bilden, die Wasser und Nährstoffe speichern. Eine besondere Rolle spielen Actinomyceten. Sie zersetzen sehr widerstandsfähige Stoffe und tragen ebenfalls zur Humusbildung bei. Gleichzeitig können sie schädliche Keime im Kompost unterdrücken.

Zum Schluss kommen kleine „Räuber“ wie Protozoen und Nematoden ins Spiel. Sie fressen Bakterien und setzen dabei Nährstoffe frei, die Pflanzen direkt aufnehmen können. Damit dieses Zusammenspiel gut funktioniert, braucht der Kompost die richtigen Bedingungen. Zu viel Nässe, zu wenig Sauerstoff oder einseitiges Material können das Gleichgewicht stören und zu Fäulnis oder Nährstoffverlust führen. Dementsprechend ist das regelmäßige Ausbringen von reifem Kompost entscheidend für einen gesunden und nachhaltigen Kleingarten.

Autor:

Dr. Henning Wiegmann

Biologe und Fachberater im KGV „Am Kinderbach e.V.“ Münster

E-Mail schreiben

Referenzen

  • Fierer N. Embracing the unknown: disentangling the complexities of the soil microbiome. Nat Rev Microbiol. 2017 Oct;15(10):579-590.
  • Das PP, Singh KR, Nagpure G, Mansoori A, Singh RP, Ghazi IA, Kumar A, Singh J. Plant-soil-microbes: A tripartite interaction for nutrient acquisition and better plant growth for sustainable agricultural practices. Environ Res. 2022 Nov;214(Pt 1):113821.
  • Gupta A, Singh UB, Sahu PK, Paul S, Kumar A, Malviya D, Singh S, Kuppusamy P, Singh P, Paul D, Rai JP, Singh HV, Manna MC, Crusberg TC, Kumar A, Saxena AK. Linking Soil Microbial Diversity to Modern Agriculture Practices: A Review. Int J Environ Res Public Health. 2022 Mar 7;19(5):3141.
  • Strack, D., Fester, T., Hause, B., & Walter, M. H. (2001). Die arbuskuläre Mykorrhiza: Eine unterirdische Lebensgemeinschaft. Biologie in unserer Zeit, 31(5), 286-295.
  • Lutz, S., van der Heijden, M., Bodenhausen, N., & Schlaeppi, K. (2024). Mykorrhiza: Lohnt sich eine Impfung?. LUMBRICO, (17), 18-21.
  • van Rhijn, P., & Vanderleyden, J. (1995). The Rhizobium-plant symbiosis. Microbiological reviews, 59(1), 124-142.
  • Masson-Boivin, C., & Sachs, J. L. (2018). Symbiotic nitrogen fixation by rhizobia—the roots of a success story. Current Opinion in Plant Biology, 44, 7-15.
  • Lindström, K., & Mousavi, S. A. (2020). Effectiveness of nitrogen fixation in rhizobia. Microbial biotechnology, 13(5), 1314-1335.
  • Danon, M., Franke-Whittle, I. H., Insam, H., Chen, Y., & Hadar, Y. (2008). Molecular analysis of bacterial community succession during prolonged compost curing. FEMS microbiology ecology, 65(1), 133-144.
  • Nemet, F., Perić, K., & Lončarić, Z. (2021). Microbiological activities in the composting process–A review. COLUMELLA–Journal of Agricultural and Environmental Sciences, 8(2), 41-53.